Schöner wissenschaftskritischer Artikel in der ZEIT
Ein Leser hat mich gerade auf einen schönen Artikel in der ZEIT hingewiesen.
Vermutlich hat zu Guttenberg mit seinem Plagiat und dem anschließenden dreisten Leugnen der Wissenschaft einen viel größeren Dienst erwiesen, als es je zuvor mit einer Promotion getan wurde. Denn er hat (endlich) eine kritische Diskussion in Gang gesetzt.
Insofern ist es erfreulich, daß inzwischen auch die Medien drauf kommen, daß die von den Hochschulen lancierte Legende, daß sie hier von einem üblen Betrüger hereingelegt worden seien, so nicht stimmt. Das Lügengebilde „Deutsche Wissenschaft” fängt an zu bröckeln.
Zitat:
Allerdings – und das ist der bittere Nachgeschmack der Affäre – waren es nicht die wohlbestallten Spitzenvertreter der Forschung, die das wissenschaftliche Ethos hochgehalten haben; das haben im Gegenteil Doktoranden und einzelne Professoren getan, die sich damit persönlich angreifbar machten. So ist die »Causa Guttenberg« zwar einerseits ein Triumph der Wissenschaft, doch zugleich ein Armutszeugnis für die deutschen Forschungsorganisationen, die einen historischen Moment verpasst haben.
Schließlich hat die Affäre auch blitzlichtartig erhellt, wie es um die gern hochgehaltenen »Selbstreinigungskräfte« der Wissenschaft wirklich bestellt ist: Sie sind keinesfalls selbstverständlich, sondern hängen letztlich immer wieder vom Engagement Einzelner ab.
Wenn die Verteidiger zu Guttenbergs eine »Hetzjagd« beklagten und argumentierten, viele andere Dissertationen seien ebenfalls nicht lupenrein, dann hatten sie zumindest in einem Punkt recht: Tatsächlich wurden Doktorgrade in den vergangenen Jahren geradezu inflationär vergeben, und vermutlich würden auch andere Promovenden ins Schwitzen geraten, wenn man an ihre Arbeit die Maßstäbe redlichen Arbeitens mit voller Strenge anlegen würde. Das soll und kann zu Guttenbergs Plagiat zwar nicht entschuldigen. Aber die Hochschulen müssen sich auch fragen lassen, ob sie ihre Standards stets so hochhalten, wie sie gerne behaupten – und welche Lehren sie nun aus dem Fall ziehen. […]
Die viel beschworenen Selbstreinigungskräfte, auch das eine Erkenntnis, entfalteten sich stattdessen im Internet. Eine bunte Truppe von Nachwuchswissenschaftlern nahm im Netz mit dem GuttenPlag Wiki die umstrittene Dissertation auseinander und förderte so das ganze Ausmaß der Schummelei zutage. […]
Überraschten Dinosauriern gleich, verfolgten jene Institutionen dieses Geschehen, die sich eigentlich als Hüter der Wissenschaft verstehen: Von den großen Spitzenorganisationen wie etwa der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder dem Wissenschaftsrat war lange nichts zu hören, die Max-Planck-Gesellschaft schwieg bis Redaktionsschluss. […]
Losgetreten wurden die Proteste vom Nachwuchs, der um die Entwertung des Doktortitels bangt. Um sie zu befrieden, müssen jetzt überall dieselben strengen Maßstäbe angelegt werden. Und die Wissenschaft muss sich fragen, wie der Eindruck entstehen konnte, in der akademischen Welt werde doch überall mehr oder weniger geschummelt.
Das ist schön gesagt. Und bestätigt meine Sichtweise: Selbstreinigung gibt es an den Universitäten nicht, sie sind von innen heraus verdreckt. Reinigung entsteht nur durch Druck von außen, durch Aufdeckung, Publizität, Empörung. Und damit zeigt sich auch wieder einmal, daß gerade diese Heimlichtuerei der Professoren, die alles hinter verschlossenen Türen betreiben, eine Hauptkomponente und Grundlage von Korruption ist.
4 Kommentare (RSS-Feed)
Na,
einen Ehrendoktor sollte man lieber demjenigen geben, der
das als erster aufgedeckt hat… AFAIK ein schweizer Forscher.
“Wer hats er-, äääh GEfunden?”
Oh, habe ich da was verwechselt?
War doch kein Schweizer?
Verhasster Enthüller
Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano brachte Guttenbergs Plagiatsaffäre ins Rollen. Die Ereignisse überrollten auch ihn: Der Jurist fühlt sich beobachtet – und wird mit Hassmails überschüttet.
http://www.sueddeutsche.de/politik/guttengerg-affaere-verhasster-enthueller-1.1067213
Gegen Bildungselitismus, für POLITISCHE Kritik an Guttenberg und für SELBSTkritik des Wissenschaftsbetriebs
“Vermutlich hat zu Guttenberg mit seinem Plagiat und dem anschließenden dreisten Leugnen der Wissenschaft einen viel größeren Dienst erwiesen, als es je zuvor mit einer Promotion getan wurde. Denn er hat (endlich) eine kritische Diskussion in Gang gesetzt.”
Man könnte ihm dafür einen Dr. h.c. geben 🙂