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Die „Gemeinnützige Gesellschaft für sichere und vertrauliche Kommunikation im Internet”

Hadmut Danisch
3.3.2011 12:06

Die Deutsche Post macht auf Sicherheit im Internet. Wieder mal Marketing hinter der Tarnung von Wissenschaft?

Ein Leser schickt mir gerade (Danke!) diesen Link auf eine Pressemitteilung der Deutschen Post von heute. Zitat:

Die Deutsche Post stellt auf der CeBIT in Hannover die “Deutsche Post gemeinnützige Gesellschaft für sichere und vertrauliche Kommunikation im Internet” vor. Mit der Gesellschaft will die Deutsche Post über die Risiken im Internet aufklären und Maßnahmen zur Sicherung vertraulicher Kommunikation und sicherer Online-Transaktionen fördern.

Das stinkt doch zehn Meilen gegen den Wind. Der Post laufen anscheinend durch E-Mail usw. die Briefgeschäfte davon (während die Paketgeschäfte durch den Online-Handel deutlich zulegen dürften), und nun versucht sie es anscheinend auf diese Weise, den Leuten den Gebrauch herkömmlicher Internet-Protokolle madig zu machen. Riecht natürlich auch nach einem Konkurrenzkampf zwischen ihrem Produkt „E-Postbrief” und dem Konkurrenzprodukt „De-Mail”, was ja von der Regierung gefördert wird.

Noch fragwürdiger wird das ganze, wenn man sich ansieht, wen sie da als Zugpferde einspannen:

Schirmherr ist Joachim Gauck, Vorsitzender der Vereinigung “Gegen Vergessen – für Demokratie”. Als wissenschaftliche Beirätin fungiert Prof. Dr. Claudia Eckert, Leiterin des Fachgebiets Sicherheit in der Informatik, TU München und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie, Darmstadt/München.

Nichts gegen Joachim Gauck, und Lebenserfahrung in der DDR sind sicherlich eine gute Ausgangsposition um einen kritischen Blick auf die Kommunikationssicherheit zu haben. Aber ich habe von ihm eben auch den Eindruck, daß das nicht sein Thema ist. Soweit ich ihn aus dem Fernsehen und den Printmedien einschätze, traue ich ihm nicht zu, daß er das ermessen kann, wofür er da den Schirmherrn macht. Und manchmal habe ich da auch den Verdacht, daß er als der unterlegene Präsidentschaftskandidat nichts vernünftiges mehr zu tun hat und sich für alles hergibt, womit man in die Zeitung kommt.

Und höchst dubios kommt mir auch die Beteiligung der Professorin Claudia Eckert vor, denn die hat auf mich nun einen wirklich ebenso inkompetenten und unseriösen wie nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ich halte die Frau deshalb für schlichtweg nicht befähigt, bei so etwas zu beraten. Davon abgesehen haben mich Seltsamkeiten bei der Vergabe des Forschungsauftrages (und -gelder) für die Gesundheitskarte an ihr Institut auf den Gedanken gebracht, ob man sie vielleicht als wissenschaftlich getarntes Sprachrohr politischer Interessen ansehen kann oder muß. Auch bei ihr habe ich den Verdacht, daß sie auf jeder möglichen Publikationsgelegenheit mitreitet. Seit ich sie mal bei einem Blindgutachten ertappt habe, wo sie etwas blanko bestätigt hatte, was sie nie nachgeprüft hatte, hege ich dieser Dame gegenüber äußerstes Mißtrauen. Wenn ihr Name irgendwo auftaucht, frage ich mich immer, welche Interessen dahinterstecken. Ich habe von ihr den persönlichen Eindruck, daß bei ihr der Industrielobbyismus einen weit größeren Stellenwert als die fachlich-wissenschaftliche Seite hat. Wenn irgendwo der Name Claudia Eckert auftaucht, rate ich dazu, die Finger davon zu lassen.

Schon allein diese Zusammensetzung macht dieses Projekt in meinen Augen fragwürdig. Wenn man sich da schon auf B- und D-Promis stützen muß, die selbst gern in der Zeitung stehen und ihren Namen erwähnt haben möchten.

Aber auch inhaltlich erscheint mir das zweifelhaft:

“Post und Postgeheimnis sind Synonyme für sichere und vertrauliche Kommunikation. Es ist uns daher ein besonderes Anliegen, die Sicherheit des Briefgeheimnisses auch in der digitalen Welt zu verankern”, sagte Jürgen Gerdes, Konzernvorstand Brief Deutsche Post DHL. “Die Sicherheit von Daten, Transaktionen und vertraulicher Kommunikation ist eine zentrale Herausforderung für Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Deshalb freuen wir uns ganz besonders, dass wir von so prominenter und kompetenter Seite unterstützt werden.”

Hört sich schön an. Sagt aber eigentlich nichts. Außer daß es um Vertraulichkeit geht. Gleich darauf legt man aber Joachim Gauck folgende Aussage in den Mund (liest sich viel zu sehr nach Marketing, als daß ich glauben würde, daß das von ihm selbst kommt):

Joachim Gauck: “Deutsche Post der richtige Akteur”

“Gesicherte Identitäten auch im Web – dass ich weiß, wer mein Gegenüber ist; dass Anonymität dort gesichert ist, wo ich es will – beides sind Schutzmechanismen für den Zusammenhalt der Gesellschaft und Schutzmechanismen gegen Übergriffe in meine Privatsphäre. Auch wenn die Deutsche Post heute als privatwirtschaftliches Unternehmen agiert, so ist sie doch aufgrund ihres besonderen Auftrags aus meiner Sicht der richtige Akteur, die notwendige Diskussion darüber zu fördern und Aktivitäten zu entwickeln, wie wir Vertrauen und Sicherheit im Netz stärken können.”

Ach. Eben ging’s noch um Vertraulichkeit. Jetzt plötzlich um die Frage der Authentizität und Anonymität. Außerdem ist es unlogisch. Denn die Internetkommunikation ist eigentlich kein Thema der Post (jedenfalls nicht mehr seit der Auftrennung der alten Deutschen Bundespost in Telekom und Deutsche Post), sondern deren Konkurrenz. Internetkommunikation ist der Feind des Briefverkehrs, und nur für den ist die Post eigentlich zuständig. Wenn sich jemand vorgeblich so um seinen Konkurrenten sorgt, muß ich immer an das Märchen vom bösen Wolf und den sieben Geislein denken. An die Stelle, an der der Wolf Kreide gefressen hat. Als ob die Post dafür werben würde, keine Briefe mehr zu versenden.

Und gleich darunter um

Gesicherte Identität im Internet

Die gemeinnützige Gesellschaft wird eine Plattform für die notwendige Debatte schaffen, um Lösungswege aufzuzeigen. Dabei sollen gesellschaftliche und technische Aspekte Berücksichtigung finden. Sie richtet sich an individuelle Nutzer ebenso wie an Unternehmen und Institutionen.

Liest sich wie eine Produktankündigung. Daher weht also der Wind.

Und weiter unten:

Den Handlungsbedarf zur Sicherung von Daten und vertraulicher Kommunikation verdeutlicht eine repräsentative Umfrage, die die Deutsche Post gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut TNS-Emnid bei Internetnutzern und Unternehmen in Deutschland durchgeführt hat.

Demnach ist 96 Prozent der Befragten die Sicherheit und Vertraulichkeit ihrer Daten im Internet wichtig. Und obwohl 61 Prozent ein gestiegenes Risiko sehen, macht noch nicht einmal die Hälfte Gebrauch von Sicherheitsmaßnahmen, die über den Basisschutz wie Virenscanner oder Firewall hinaus gehen. Teilweise aus Unkenntnis über geeignete Programme, häufig jedoch, weil bestehende Angebote als zu kompliziert und langwierig empfunden werden.

Besonders gravierend sind die Risiken für Unternehmen: Über zwei Drittel von ihnen versenden regelmäßig sensible Daten wie Verträge per E-Mail, für über die Hälfte ist das heute bereits der Standardweg. Und das, obwohl hier 45 Prozent der befragten Unternehmen an der Vertraulichkeit zweifeln und über die wachsenden Risiken klagen, wie 51 Prozent der Unternehmen angeben.

Das ist fachlich absolut zutreffend, das kann ich aus meiner eigenen Berufspraxis voll bestätigen. Aber was sagt es schon aus? Wenn ich eine Umfrage mache „Möchten Sie gerne einen Autounfall erleiden?” werden sich auch 97,5 Prozent der Befragten deutlich dagegen aussprechen. Das heißt aber noch lange nicht, daß sie die Lösung von mir erwarten oder mich für dafür qualifiziert halten, nur weil ich die Umfrage in Auftrag gegeben habe.

Natürlich wünsche ich mir als IT-Sicherheitsspezialist (ich verachte das inflationär verwendete und politisch-journalistisch mißbrauchte Wort „Experte”) durchaus, daß diese Problem gelöst werden. Ich erlebe es immer wieder, daß wichtige, vertrauliche Nachrichten nicht verschlüsselt werden, weil die heute zur Verfügung stehende Verschlüsselungstechnik ein für Normalanwender unverwendbarer Krampf ist. Ich mußte kürzlich mal PGP-verschlüsselte E-Mail von Windows über Outlook verschicken. Die dazu nötige Software war so vermurkst, daß sogar ich sie wieder rausgeworfen habe (im Gegensatz etwa zur Linux-Opensource-Alternative, die prächtig funktioniert und einfach zu bedienen ist). Wie hätte ich sie dann Kollegen oder Geschäftspartner empfehlen, zumuten oder gar vorschreiben können?

Das Problem ist da, es ist wichtig und es muß gelöst werden.

Nur halte ich die Deutsche Post für eine der am wenigsten geeigneten Organisationen dafür. Denn die sind so kommerziell, daß das alles ganz sicher auf deren Produkte und Dienstleistungen hinausläuft. Und das ist dann ganz sicher keine Lösung des Problems. Die Deutsche Post paßt einfach nicht zu diesem Problem.

Mir ist auch nicht ganz klar, was die sich nun davon versprechen, mit dem Thema der gesicherten Identitäten daherzukommen. Ich dachte eigentlich, daß der neue Personalausweis das kanonische Mittel wäre, dieses Problem zu lösen.

Und am unteren Ende der Nachricht kommt dann eher unauffällig, was eigentlich Kern des „gemeinnützigen” Geschäfts sein dürfte:

Gemeinnützige Gesellschaft nimmt Arbeit auf – Stiftungslehrstuhl geplant

Die Deutsche Post wird die gemeinnützige Gesellschaft in den nächsten beiden Jahren in der Größenordnung von zwei Millionen Euro unterstützen. Dazu gehört auch die Einrichtung eines Lehrstuhls für “Sichere und vertrauliche Kommunikation im Internet” an der TU München. Die Gesellschaft wird über ihre Onlinepräsenz, durch Veranstaltungen, Forschungsaufträge und Studien die Bevölkerung, Unternehmen und Verwaltungen für das Sicherheitsthema sensibilisieren, aufklären und Lösungsansätze entwickeln.

Man könnte die Pressemeldung also auch in einen einzigen Satz zusammenfassen:

Die Post kauft sich an der TU München eine Gefälligkeitsprofessur, die für sie das Produktmarketing unter dem Anschein der Wissenschaftlichkeit vornimmt.

Womit dann auch gleich klar ist, welche Interessen Eckert da vertritt und welche „wissenschaftliche” Rolle sie spielt: Die des Geldempfängers. So ist „Wissenschaft” heute nämlich ganz offiziell auf politischer Ebene definiert. Einwerbung von Drittmitteln mit allen Mitteln. Akademischer Straßenstrich. Man gibt der Uni Geld, dafür bekommt man für das Produkt den Wissenschaftsanstrich. So wie diese Pseudoadoptionen durch verarmte Adelige, durch die man Freiherr oder sowas werden kann.

Ich würde schon drauf wetten, daß die dann an die Post auch Guttenberg-Promotionen ausliefern. Vielleicht kann man sich die Doktorgrade irgendwann auch direkt bei der Post online bestellen. Vielleicht meinen die mit „gemeinnützig” ja das.

Meine Meinung von Eckert ist wieder bestätigt. Meine Meinung von Gauck muß ich nach unten revidieren.

2 Kommentare (RSS-Feed)

Peter
4.3.2011 18:48
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Ich war gestern auf der CeBIT und habe die Leute von der E-Post mal gefragt, warum der Postbrief so sicher sein soll, wenn die das Portal nur per SSL verschlüsseln, hat die Post ja immer noch meine Post im Klartext. Bei GPG habe ich ja Ende-zu-Ende und brauche den Zwischenleuten gar nicht zu vertrauen.

„Ja moment, ich hole mal jemanden, der sich mit der Technik auskennt.“ — war die CeBIT nicht eine Technikmesse oder so?

Jedenfalls habe ich mich dann mit dem etwas unterhalten, und die Sache war dann letztlich, dass das ja nur für eine ganz kleine Zeit unverschlüsselt auf deren Server liegen würde. Man braucht auch nur eine kleine Zeit um diese Email zu kopieren …

Bei 1&1 De-Mail war der Herr etwas besser aufgestellt, er sagte mir, dass GPG sicherer sei, aber den normalen Leuten ja nicht zumutbar wäre, da zu komplex. Sie würden aber an einer Ende-zu-Ende Verschlüsselung entwickeln. Aber dass die Daten zwischen den De-Mail Server „binär verschlüsselt“ werden, hatte mich jetzt nicht so überzeugt. Mal schauen.


Hadmut Danisch
4.3.2011 18:53
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Ja, die übliche Ausrede, daß die Daten ja nur „ganz kurz” entschlüsselt wären.

Daß man aber erst mal jemand holen muß, ist auf der CeBIT normal. Es kann sich ja nicht jeder mit allem auskennen.

Außerdem war ich auch schon mehrfach als Sicherheitsspezialist auf einem Firmenstand der CeBIT. Und da haben die Fachleute auch nicht in vorderster Linie gestanden, weil das gar nicht geht. Wir hatten da von einer Agentur irgendwelche hübschen Studentinnen und sonstiges junges Gemüse, die halt gut ausgesehen haben und nach einer Kurzeinweisung vorne den Massenbesucherverkehr abgefertigt haben. Und wenn einer solche Fragen gestellt hat, haben sie ihn an uns hinten weitergeleitet, und wir haben dann mit den Leuten am Tisch und mit was zu trinken die technischen Gespräche geführt.

Geht einfach nicht anders auf der CeBIT. Ist völlig normal.