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Internet-Enquete-Kommission: Gutachten von Prof. Jörg Müller-Lietzkow

Hadmut Danisch
8.7.2010 1:03

Nachdem ich gerade angefangen habe, Kritik an der Internet-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zu üben, fahre ich nun mit der Kritik am Gutachten eines Professors als externer Sachverständiger fort.

Es geht um die 4. Sitzung der Kommission vom 4.7.2010. Zu dieser Anhörung wurden weitere, externe Sachverständige geladen, denen man gewisse Fragen gestellt hatte.

Das wirft schon die Frage auf, um was für eine Art von Befragung es sich da gehandelt hat. Formal gesehen ist so eine Befragung von Sachverständigen eine Einholung von Sachverständigengutachten. Ungefähr so haben es auch einige der Sachverständigen wohl aufgefasst. Unklar, was er zu tun hatte, war das offenbar auch dem hier in Betracht stehenden Professor Jörg Müller-Lietzkow, der seine Stellungnahme als „Arbeitspapier” bezeichnete. Es kann nicht Aufgabe eines Sachverständigen sein, ein „Arbeitspapier” zu erstellen. Wie man auch am Inhalt dieses Papiers merkt, hat Müller-Lietzkow die Rolle und Aufgaben eines Sachverständigen völlig verkannt. Mehr so ein „Schön, daß wir mal drüber gesprochen haben…” .

Allerdings muß man sagen, daß schon die Fragen wirklich schlecht gestellt waren. Zwar sind das alles irgendwo berechtigte Fragestellungen, deren Beantwortung irgendwie irgendwo in die Aufgabe der Kommission fällt. Die Fragen sind aber so wirr, so verschachtelt, so unpräzise, so offen, so nebulös, so auf Meinung und Blabla ausgerichtet gestellt, daß man diese Fragen kaum mit einem Sachverständigengutachten beantworten kann. Ein Sachverständigengutachten kann nicht einfach vom Himmel fallen, es setzt präzise und geeignete Fragen voraus, an denen es hier fehlte. Aus den Fragen kann man entnehmen, daß die, die die Fragen gestellt haben, mit dem Thema Internet – und eigentlich auch dem Betrieb einer Enquete-Kommission schlechthin – überfordert sind. Da muß man sich halt mal die Frage stellen, welche die Qualifikation die hatten, von denen die Fragen kamen. Da fragt die CDU beispielsweise

Wie weit ist die Digitalisierung von Unternehmen und der Arbeitswelt bereits voran geschritten und wann wird sie abgeschlossen sein?

Wie soll man sowas beantworten? Was ist denn abgeschlossen? Stellen die sich das so vor, daß da halt irgendwie das Digitale kommt wie ehedem der Strom, und irgendwann hat jeder und dann ist es fertig? Die SPD stellt gleich die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest:

Wie verändern sich die Kommunikationsstrukturen der digitalen Gesellschaft und welche Konsequenzen oder auch Gefährdungen ergeben sich hieraus für die individuelle Kommunikation, die Öffentlichkeit, Journalismus und die politische Kommunikation und inwiefern müssen die Kommunikations- und Medienfreiheiten diesen Herausforderungen angepasst werden und welche neuen Formen der Teilhabe sind denkbar?

Ganz anders machen es dagegen die Linken. Die stellen unter Nr. 1 keine Frage, sondern treffen eine Aussage und der Sachverständige soll „Ja” dazu sagen, bestellen also quasi ein vorgegebenes Gutachten:

Wie beurteilen Sie die Veränderung des Charakters des Internets als einem in Nutzung und Zugang freiheitlichen, offenen Medium unter der Maßgabe seiner fortschreitenden Einhegung, Zensur und Regulierung und damit einhergehenden Zerstörungen von Innovationspotentialen, und wie beurteilen Sie Forderungen, dass das Internet als Universaldienst gelten sollte, der unter die öffentliche Daseinsvorsorge fiele?

Dann solche Fragen unqualifiziert und ungeeignet sind, liegt auf der Hand. So kann man keine Sachverständigen befragen. Ich fange erst an, die Gutachten zu lesen, aber zumindest Hoeren hat es gemerkt und schreibt

Zum Teil sind die Fragen selbst bei rechtlichen Bezügen so weit gefaßt, daß ihre korrekte Beantwortung in einer Form, die noch für Zwecke einer Enquete-Kommission geeignet wäre, undenkbar wäre.

So isses. Eine Enquete-Kommission, die keinen tauglichen Fragenkatalog zustande bekommt. Immerhin zeigt Hoeren, daß man trotzdem was vernünftiges schreiben kann, dazu in einem zukünftigen Blog-Artikel mehr.

Jörg Müller-Lietzkow beweist das Gegenteil, nämlich daß man zu schlechten Fragen auch etwas noch schlechteres schreiben kann. Und wenn jemand von einer Fakultät für Kulturwissenschaften kommt, dann kommt mir als Informatiker das ohnehin als bezüglich der Internet-Kompetenz doch ziemlich begrenzt vor. Ich hab hier ja schon eine soziologische Dissertation über Programmiersprachen zerrissen, und hab selten so einen schrecklichen Quatsch gelesen. Meine Meinung von Geisteswissenschaftlern ist nicht die beste.

Kein wissenschaftlicher Inhalt

Gleich zu Anfang taucht in diesem Arbeitspapier (Seite 3) folgende Bemerkung auf:

Ganz in diesem  offenen  Sinne  bemühe ich  mich  nach  Kräften  diejenigen  Fragen  zu  beantworten,  die  ich  aus  meiner  (wissenschaftlich-­geprägten)  Perspektive  meine  sachkompetent  beurteilen   zu   können.   Bewusst   verzichte   ich   dabei   dezidiert   auf   mein   spezifisches   Forschungsfeld  der  digitalen  Spiele  extensiv  einzugehen  und  versuche  eher  das  „ganze  Bild”  im  
Auge   zu   behalten.

So oft habe ich es im Universitätsbereich schon gehört und gelesen, daß Professoren ihre Rede und Schreibe damit eröffnen, für sich eine wissenschaftliche Sichtweise in Anspruch zu nehmen. Da wird von vornherein dieser ich-hab-von-Beruf-mehr-Ahnung-und-mehr-Recht-als-Du-und-wenn-Du-anderer-Meinung-bist-dann-bist-Du-eben-nicht-wissenschaftlich-Anspruch erhoben.

Das Dumme daran ist: Ich habe sowas so oft gehört und gelesen, aber noch nie, nicht ein einziges Mal, folgte auf eine solche Einleitung irgendetwas, was auch entfernt wissenschaftlichen Anforderungen genügt hätte. Wirkliche Wissenschaftler brauchen sowas nicht. Solche Floskeln verwenden nur die, die nicht durch ihren Inhalt wissenschaftlich überzeugen können und deshalb dazusagen müssen, daß es wissenschaftlich sein soll. Und da macht auch dieses Papier keine Ausnahme.

Mangelnde Sachkunde

Der fackelt nicht lange. Der haut einen gleich auf Seite 4 aus den Latschen:

Im weiteren Verlauf verwende ich Web synonym für das Internet und seine Derivate?

Hä!? Das Internet und seine »Derivate« ? Wovon redet der? Ja, da darf man raten. Er wirft durch das ganze Papier hindurch mit Begriffen um sich, die er nicht ein einziges Mal erklärt (und es vermutlich auch nicht kann). Daß ein Sachverständiger die Fachbegriffe auch zu erläutern hat und sein Gutachten auch für Laien im wesentlichen verständlich sein muß, hat der wohl noch nie gehört.

Und überhaupt: Web und Internet gleichzusetzen ist der Klassiker der Inkompetenz, der Kardinalfehler schlechthin, wenn es um das Internet geht. Der weiß gar nicht, wovon er da redet. Und das zieht sich auch durch das gesamte Papier. Der schwafelt und schwafelt und hat keine Ahnung wovon, und es stört ihn gar nicht. Jahrelanges Professorentraining an einer deutschen Universität. Das können die alle. Und selbst wenn er es besser wüßte: Einer Internet-Enquete-Kommission Web und Internet als synonym zu verkaufen ist ein vorsätzliches Falschgutachten. (Ich erlaube mir an dieser Stelle die Anmerkung, daß dieser ganze entsetzliche Kinderpornosperren-Zirkus ursächlich darauf zurückging, daß man im Familienministerium HTTP, Web, Internet und DNS nicht verstanden hatte, nicht unterscheiden konnte und alles für das gleiche hielt, woran man sehen kann, welchen enormen Schaden solche Fehinformationen verursachen können.)

Dann kommen solche Aussagen wie (Seite 4):

„Wie bemessen Sie   Unendlichkeit?“   Faktisch   bedeutet   Digitalisierung   und   Vernetzung,  dass  in  Kombination  unendlich  viele  Möglichkeiten  resultieren.  Ein  Beispiel:  Schreibt  ein  Autor  ein  Buch,  so  erreicht  er  tatsächlich  solange  es  sich  um  ein Papiergebundenes  Buch  handelt,   einen   erfassbaren   Leserkreis,   der   nicht   zuletzt   vor   allem   durch   den   Verlag bzw.  die   Verwertungskette   definiert   wird.   Insofern   handelt   es   sich   um   eine   1:n-Beziehung.  Würde  derselbe  Autor  aber  eine  erste  Version  seines  Buches  unter  einer  offenen  Lizenz,  wie  es  der  US-­‐amerikanische  Harvardjurist  Lawrence  Lessig  vorschlägt3,  veröffentlichen  und   zahllose   andere   Autoren   würden   wiederum   auf   dieser   Basis   endlich   viele   Modifikationen  vornehmen,  entstehen  zahlreiche  „neue“  Werke,  die  nur  durch  das  Netz  ermöglicht  wurden.  Nun  stehen  m-­Autoren  n(1)  bis  n(n)-­Lesern  gegenüber.  Da  es  darüber  hinaus   aber   die   Möglichkeit   gibt   diese   neuen   Werke   noch   weiter   zu   entwickeln   (also   die  n(1)  bis  n(n)-­Leser)  auch  wieder  in  die  Gruppe  der  m-­Autoren  wechseln  könnten,  ergibt sich  eine  m:n-­‐Beziehung  mit  ungewissem  Ausgang.  Ähnlich  verhält  es  sich  im  Netz  heute  schon.   Forendiskussionen,   Blogs,   Twitterfeeds,   Youtube   etc.   transformieren   das   Web   in  einen   unendlichen   Kommunikationsraum,   dessen   physische   Kapazitätsgrenze   faktisch nach  heutigem  Ermessen  nicht  gegeben  ist.  

Schwafelt von Unendlichkeit. Der Himmel und die Sterne. Alles so grenzenlos. Und so ahnungslos.

So ein Blödsinn. Eine Kapazitätsgrenze ist schon dadurch gegeben, daß es auf der Welt nur 8 Milliarden Menschen gibt (ich unterstelle mal willkürlich, daß Außerirdische nicht betrachtet werden). Derzeit haben wir etwas über eine Milliarde Internet-Nutzer. Spätestens bei einer Verachtfachung des aktuellen Internets ist eine natürliche Kapazitätsgrenze erreicht. Eine weitere Grenze ist die Energieversorgung. Der zur Verfügung stehende Speicherplatz. Die Kosten für IT-Ausstattung im Verhältnis zur Leistungsfähigkeit armer Bevölkerungsteile usw.

Andere Grenzen ergeben sich aus den Sprachen. Derzeit ist die vorherrschende Sprache im Internet Englisch. Mit der Ausbreitung des Internet über die modernen Industriestaaten hinaus werden aber arabisch und chinesisch wesentliche Hauptsprachen werden. Auch das sind Kapazitätsgrenzen, wenn man schon das Gutachten über das Internet schlechthin mit einem so an den Haaren herbeigezogenen Spezialbeispiel wie ein von jedem willkürlich weitergeschriebenen Buch beginnt. (Hab ich übrigens noch nie gesehen sowas.)

Selbst als Informatiker mußte ich einen Moment überlegen, was der mit n(1) bis n(n)-Leser meint. Wie aber soll denn der Laie das verstehen, wenn Müller-Lietzkow solche Notationen verwendet ohne sie auch nur ansatzweise zu erklären oder in einen Kontext zu setzen? Da fallen einfach so Dinger vom Himmel. Auf mich macht das den Eindruck, als wäre das irgendwo abgeschrieben worden. Der Eindruck wird auch durch die sich seltsam ändernde Ausdrucksweise verstärkt:

Umgekehrt  ist  es  sicherlich  auch  unfair  Regulierung  und  die  Wahrung  der  Rechte  einer  Art   digitalem   Piratendaseins   zu   opfern.   Das   Problem   ist   aber   ziemlich   einfach   mit   der  Kindergeschichte  von  „Hase  und  Igel“  zu  beschreiben.  Web  bzw.  (mobile)  Derivate  sind  in   ihrer   Gesamtentwicklung   und   Komplexitätsbildung   schlichtweg   schneller   als   die   Politik.

Ui, es ist unfair und so gemein. Und der Hase, und der Igel. Ein Publikumshorizont wie in der Grundschule. Die Derivate des Web sind schneller als die Politik. Und nachts ist es kälter als draußen. (Wie meint er das jetzt mit dem „schneller”? Die Lichtgeschwindigkeit von Funkwellen ist schneller als Abgeordnete rennen können? Wohl wahr…)

Dann kommt (Seite 14) eine seltsame Tabelle, in der neue und alte Medien gegenübergestellt werden. Twitter und Suchmaschinen sind neu, weil sowas gabs vorher nicht. eMail und eBooks sind nicht neu, weil es Briefe und Bücher auch vor dem Internet schon gab. Youtube ist neu, aber Datenbanken sind es nicht, weil es Bibliotheken ja schon vorher gab. Als ob jemand zum ersten Mal mit dem Internet zu tun hat und einen Übersichtsplan will, so ganz einfach und brachial.

Und das wird dann richtig bizarr. Als ob der auf LSD gewesen wäre:

Auf Seite 15 kommt dann noch eine Tabelle, wo ich mich auch nur gefragt habe, was das jetzt soll. Da wird in einer Zeile aber ohne erkennbaren Sinn-Zusammenhang angegeben, daß das Betriebssystem für das iPhone in den Versionen 3G, 3GS, 4 iOS vorliegt, ein globaler Quasi-Standard für Multimedia- und Mehrwertmobilfunkendgeräte sei (schlichtweg falsch weil geschlossen und proprietär), daß eine andere neue Plattform der eBook-Reader sei, es als Beispiele Kindle und Sony gäbe, und als Begründung die Zunehmende Wirkung auf den Buchmarkt.

In der nächsten Zeile lernen wir, daß das iPad die Betriebssystemversion 1 verwendet, ein neuartiges Gerät ohne feste Aufgaben mit starker Internetorientierung sei, während Navigationssysteme von Tom Tom kämen und hohe Bedeutung im Straßenverkehr hätten.

Zeile drei erläutert die Betriebssystemversion von Android (1,5; 1,6; 2,0; 2,1; 2,2) und stellt sie der Tatsache gegenüber, daß Mobile Spielkonsolen und Multimediaplattformen von Nintendo, MP3- und MP4-Playern kämen und die Mobilisierung von Unterhaltungsendgeräten mit der zunehmenden Entkopplung von Datenträgern einhergingen.

Als ich das gelesen habe, habe ich mich unwillkürlich gefragt, ob der noch alle Tassen im Schrank hat. Würfelt da völlig willkürlich Informationen zusammen, die völlig irrelevant sind (Was spielt das für eine Rolle, wie die Betriebssystemversionen für Android heißen und wer hat danach gefragt?) und stellt sie in einer Tabelle gegenüber, ohne daß sie irgendeinen Zusammenhang bilden könnten. Und was MP3-Player und Navigationssysteme von Tom-Tom so offensichtlich mit dem Internet zu tun haben sollen, verstehe ich da auch nicht.

Seite 27:

In   Anlehnung   an   das   von   Taylor   entwickelte   Scientific   Management  zeigt  bei  Berufen   in   der   virtuellen   Arbeitswelt  ein  neuer,  durchaus  bedenklich  stimmender  Trend  zurück  zu  diesen  Rahmenbedingungen.  Nicht  selten  kombiniert  sich  eine  relativ  monotone  Arbeitsstruktur  mit  starken  Hierarchien.  Z.  B.  können  Call  Center  als  das „neue  Fließband”    gesehen  werden.

Daß man Call-Center-Arbeit mit Fließbandarbeit vergleichen könnte, stimmt so auch nicht, aber es ist eine sehr monotone, angstrengende und belastende Arbeit, das ist schon richtig. Aber was hat das mit dem Internet zu tun? Call Center telefonieren, deshalb heißen sie auch so. Und Call Center gab’s auch schon vor hundert Jahren, das Fräulein vom Amt. Das wirkt alles auf mich, als hätte man einen Salat aus allen Gedankenfetzen zusammengerührt, die gerade im Institut irgendwo rumlagen.

Das ganze Gutachten ist von einer Absurdität, als ob sich jemand über die Kommission lustig machen und beweisen wollte, daß das sowieso niemand liest.

Zitiereritis

Was sich ebenfalls massiv durch das Papier zieht: Der Mann leidet unter der Zitierkrankheit, wie fast alle deutschen Professoren. Zur Sache sagt er nichts, aber das Papier trieft und tropft vor der schieren Menge wilder Zitate. Universitätswissenschaftler zitieren nicht, um eine Quelle oder einen Verweis anzugeben. Die zitieren um des Zitierens willen, weil viele Zitate einfach sein müssen, um zeigen, was man alles weiß (wenn schon nichts zum Thema), und um die Zitierkartelle zu bedienen. Möglichst viele Leute zitieren, damit die allen zufrieden sind und die einen dann im Gegenzug wieder zitieren. Eine Hand zitiert die andere. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, zitiert man einfach mal die Standardwerke (oder die, die man dafür hält). Das hilft im Zweifel immer, da wird schon irgendwas drinstehen. Und man zitiert grundsätzlich auch nie eine Seite oder ein Kapitel, sondern immer den ganzen 800-seitigen Schinken. Soll der Leser sich überlegen, was man gemeint haben könnte. Im Zweifel immer was anderes.

Dabei ist dieser ganze Zitateapparat völlig nutzlos. Richtigerweise würde man etwas fachliches, substantielles, greifbares sagen, und dann die Quelle angeben, woher es stammt, wo man mehr dazu lesen kann. Macht Müller-Lietzkow nicht. Der zitiert nur, ohne zu sagen warum, wieso und wofür. Aber nach dem Motto viel hilft viel.

Ich weiß nicht, was der sich dabei denkt. Erwartet der vom Leser, daß er so ganz ohne konkretes Ziel mal drei Universitätsbibliotheken umgräbt und sich stapelweise Literatur holt um herauszufinden, was Müller-Lietzkow vielleicht gemeint haben könnte? Ganz sicher wird das niemand tun. Und damit sind die gesamten vielen Zitate völlig nutzlos. Schönes schlechtes Beispiel (Seite 7):

Auffällig  ist,  dass  sich  in  der  Webdiskussion,  wie  in  so  vielen  anderen  auch,  die  Redundanz  der  behandelten  Themen  mit  erstaunlicher  Ignoranz  der  vorhandenen  Ergebnisse paart.  Viele  Fragen  von  heute  sind  dieselben  wie  vor  10 Jahren.  Vor  allem  die  epochale Meisterleistung   der   letzten   Dekade,   Manuel   Castells   Trilogie   über   die   Informationsgesellschaft  (19986-­1998)  kann  hierfür  als  Zeugnis  herangezogen  werden.  Die  Aufgabenpakete  des  letzten  Jahrzehnts  sind  definitiv  (zumindest  in  Deutschland)  nicht  abgearbeitet  und  neue  Innovationen  sowie  die  Evolution  der  Basis  (Schrape  20004)  potenzieren dies   nun.

Welche Themen er meint? Nicht ersichtlich. Aber der Leser möge sich doch bitte gleich vier dicke Schinken (mit fünfstelligen Jahreszahlen, Korrekturlesen war wohl gar nicht drin) besorgen, jeweils so um die 700 Seiten, und mal eben nachforschen, was Müller-Lietzkow gemeint haben könnte. Warum macht er sich das so schwer? Warum zitiert er nicht gleich die Universitätsbibliothek en bloc? Das sind diese saudummen Professorenzitate, bei denen es nicht um Zitieren, sondern um das Markieren und Kenntlichmachen des eigenen Glaubensbekenntnisses und der Zugehörigkeit zu einem Wissenschaftsrudel geht. Ungefähr so wie die tribe-Tätowierungen bei Kriegern, oder die Pin-Up-Girls in den Spinden von Soldaten und Handwerkern, um anderen von vornherein zu signalisieren, ob man schwul ist oder nicht. Deshalb tut’s auch nicht einfach so ein Zitat, es muß gleich eine Anbetungs- und Unterwerfungsformel dazu (hier: „epochale Meisterleistung” für einen dreiteiligen Internet-Schinken, von dem ich als Informatiker noch nie etwas gehört habe. )

Noch ein blödes Beispiel (Seite 28):

Sicher   die   „Mutter”   dieses   Gedankens   ist   Open   Source   Software,  wobei  vor  allem  Eric  von  Hippel  mit  dem  Thema  Open  Innovation  diese  Entwicklungen   für   andere   Wertschöpfungsbereiche   vorangetrieben   hat   (umfassend   hierzu Reichwald  &  Piller  2006).

Was Open Source ist, erklärt er nicht. Er verwendet es auch nicht. Stellt überhaupt keinen Zusammenhang her. Nutzt das einfach nur als Vehikel um ein anderes Zitat unterzubringen und den fachunkundigen Leser zu verwirren.

Was außerdem auch auffällt: Sämtliche Zitate sind hoffnungslos veraltet. Das bezieht sich alles so auf die Jahre 1990 bis 2004. Vergleicht man das mit seinem Lebenslauf, dann hat man den Eindruck, daß er als Angestellter und Mitarbeiter noch gearbeitet, aber nichts neues mehr gelesen hat, seit er Professor geworden ist. Kennt man. Ist häufig so.

Sowas kann man in vielen Bereichen gerade noch so tun. Nicht im Bereich Internet. So um 1998 bis 2002 fing gerade erst die Versorgung der wichtigsten Industriebereiche mit dem Internet an (ich war damals da voll mit drin). Der Einzug in die Privathaushalt kam (nach den technophilen und early adopters) erst später und auch das Web kam erst so ab 2002, 2003 so richtig und außerhalb der technischen Bereiche in Schwung (was man natürlich nicht wissen kann, wenn man Web und Internet für das gleiche hält). Google trat so Ende der 90er neugegründet gegen AltaVista an, eBay und Amazon waren neu gegründet. Facebook Twitter usw. kamen erst später. So richtig in die Breite gegangen ist das Internet erst mit Verfügbarkeit billiger DSL-Zugänge und billiger Rechner, und das kam erst so ab ungefähr 2004, 2005. Zwar haben schon viele Leute seit etwa 2000 freie Maildienstleister verwendet, aber in der Regel noch vom Internet-Cafe aus. Wie man bei einer so neuen und steilen Entwicklung ein Gutachten mit Zitaten bestreiten will, die praktisch alle aus einer Zeit vor der breiten Ausdehnung des Internet und dem Entstehen der heute prägenden Kommunikationsformen entstanden sind, ist mir schleierhaft. Sowas kann man eigentlich nur machen, wenn man sowieso nicht so genau weiß, worum es geht, und auf Qualität pfeift.

Fragestellung

Einen nennenswerten Zusammenhang zwischen Fragen und Stellungnahme habe ich nicht entdeckt (was aber, das muß man fairerweise sagen, auch an den dusseligen Fragen liegt). Müller-Lietzkow versucht aber nicht einmal, die Fragen zu beantworten. Er schreibt wie jemand, der sich gerne reden hört. Er schreibt mal so in die Überschriften rein

Fragenbezug: 1.1, 1.3, 1.4, 2.2, 4.1, 5.1, 5.2, 5.4, 8.3

Jau, da weiß der Leser doch gleich, worum es da geht. Müller-Lietzkow macht sich nicht einmal die Mühe, die Fragen wiederzugeben oder darauf einzugehen. Der nimmt die nur als Vehikel um abzulassen, was er wohl schon immer abgelassen hat. Nur so als Alibi und Auslöser. Wahrscheinlich so die Sorte Wissenschaftler, die immer das gleiche sagt, egal was man fragt. Und wenn er dann doch mal auf Fragestellungen eingeht, dann liest sich das so (Seite 18):

Bekannt   ist   aber,   dass   insbesondere   das   „Flow-­‐Konzept“   von   Csikszentmihalyi  (1995)  gepaart  mit  Unterhaltungserlebenstheorien  (vor  allem  die  TDU  von  Früh  2002)  zeigen,  dass  das  Web  neben  den  dienstleistenden  Funktionen  durchaus  auch  entsprechende   Positivwirkungen   entfalten   kann.   Die   politische   Frage   ist,   ob   hier   eine  Grundversorgung  sichergestellt  werden  muss.  

Ja, das war eigentlich die politische Frage, die man ihm gestellt hat. Beantwortet hat er sie nicht. Nur die Gelegenheit für Zitate genutzt. Csikszentmihalyi. Aha.

Oder auf die Frage nach dem Einfluß auf die Arbeitswelt (Seite 25):

Neben   den   schon   skizzierten   Auswirkungen   der   Digitalisierung   und   Virtualisierung  durch  und  mit  Medien  auf  die  Gesellschaft  und  die  Individuen,  sind  auch  die  Auswirkungen  dieser  Entwicklungen  auf  die  Arbeitswelt  und  die  Wirtschaftsprozesse  unverkennbar.   Sie   gehen   heute   weit   über   die   im   Standardwerk   der   Internet   Ökonomie   festgehalte-­‐nen  Grundformen  (vgl.  Zerdick  et  al.  1999)  oder  auch  in  eher  von  eher  visionären  Schriften    der  digitalen  Wirtschaft  (Tapscott  1996)  hinaus.  Grundsätzlich  profitiert  die  Wirtschaft  vom  Internet  ggf.  nicht  weniger  als  von  der  Erfindung  der  Dampfmaschine.  Umgekehrt   zeigt   nicht   zuletzt   die   Finanzkrise,   wie   komplex   und   teilweise   kritisch   diese Auswirkungen   im   einen   Extrem   sein   können.

Dampfmaschine. Ja, ja. Was die Finanzkrise mit dem Internet zu tun hat, verstehe ich auch nicht. Ich dachte, Immobilien, Kreditgeschäfte und Finanzderivate wären’s gewesen. Hab ich da was verpaßt? Aber Finanzkrise ist gut, tolles Buzzword, das verstehen Politiker.

Struktur

Nicht erkennbar. Erzählt einfach irgendwas, bei dem sich zumindest mir kein roter Faden, kein geschlossener Gedankengang ergab. Erzählt einfach, was ihm gerade so in den Sinn kommt.

Fazit

Gruseliger Trash. D-Movie. Allerunterste Schublade. Ganz typisches Beispiel universitärer Standard-Schwafel-Techniken um ein Paper über etwas zu schreiben, von dem man nichts weiß und zu dem man nichts zu sagen hat. Vollgestopft mit Füllmaterial. Absurde Fehler, nicht mal korrekturgelesen. Der Mann weiß nicht, was ein Sachverständigengutachten ist. Stört aber nicht wirklich, denn die von der Kommission wissen’s wohl auch nicht.

Ich weiß nicht, was mich mehr erschreckt: Das solche Leute Professor werden können und vom Steuerzahler auf Lebenszeit bezahlt werden müssen, oder daß eine Enquete-Kommission sowas als Gutachten annimmt. Wie sind die überhaupt auf den gekommen?

14 Kommentare (RSS-Feed)

Marko
8.7.2010 14:32
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…”Das sind diese saudummen Professorenzitate, bei denen es nicht um Zitieren, sondern um das Markieren und Kenntlichmachen des eigenen Glaubensbekenntnisses und der Zugehörigkeit zu einem Wissenschaftsrudel [geht].”

Wieviel Kohle kostet denn so ein Sachverständigengutachten, bzw. die Erfüllung so einen Wunsches (offensichtlich wird er nicht automatisch erfüllt…) denn überhaupt? Und, wirklich gute Frage, wie wählt man denn die aus, die das schreiben sollen?

Aber eine gute Kritik, Herr Danisch! Auch witzig zu lesen. Wenn ich da an meine Uni denke, ich müsste Sie da gerade mal mit hinnehmen. Wenn ich ihnen nur über ein, zwei Gedankenentwicklungen der letzten 40 Jahre erzählen würde und Sie dann da mit in den Seminaren und Vorlesungen säßen, man könnte ein Auto in ihrem Mund parken, so tief würde der Kiefer klappen! Das wette ich!

Das Zitat von Seite 4 (“unendlich, alles unendlich” unendlich planlos) ist auch wirklich Bullshit. Weil es auch schon durch Bücher (und übrigens OHNE Verlage, die braucht es dafür nicht unbedingt) möglich war (und sicherlich passiert sein wird!), einfach von A nach X zu kopieren, das irgendwem irgendwohin zu schicken oder liegen zu lassen und was ganz anderes draus zu machen, es aber für die reine eigene Arbeit ausgeben, kurz: die von irgendwem begonnene Arbeit einfach ewig fortzuführen. Im Grunde hat das die christliche Kirche offensichtlich in tausendfachen Variationen bis heute mit der Bibel veranstaltet (Okkupation, Verfredmung, Distribution). Sowas gabs sogar schon bei den antiken Griechen, auch wenn in ganz anderer Form, aber die Technik war eben kopieren, fortführen, in die Welt tragen, verändern, kopieren lassen…(Hypomnemata hieß das).

Was ist “Wie beMESSEN Sie Unendlichkeit?” eigentlich für eine vollidiotische Frage!? Was soll das denn für ein Messintrument sein? Ein Lineal bis zum angenommenen Ende des Universums? Eins mit unendlicher Skala? Wie bemisst man, wo die Skala aufhört? Mit einer unendlichen Skala? Aufauf und davon??


Jens
8.7.2010 16:13
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“Was ist “Wie beMESSEN Sie Unendlichkeit?” eigentlich für eine vollidiotische Frage!?”

Das ist die Gegenfrage, die ihm Jahre später auf die Frage des Studenten, “Wie misst man das Internet?” (o.ä.) eingefallen ist …


Hadmut Danisch
8.7.2010 18:28
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Es ist in meinen Augen ein geistiges Armutszeugnis, auf die – völlig korrekte und berechtigte – Frage eines Studenten, wie man das Internet mißt, keine Antwort weiß. Es gibt im Internet jede Menge Metriken, die man kennen sollte. Durchsatz, Latenzzeit, Hops, Ausfallzeit, Kosten, IP-Adressen usw. usw. Das würde zum Grundwissen jemandes gehören, der als Internet-Sachverständiger auftritt. Oder daß der IPv4-Adressraum knapp wird.

Mit zehnjähriger Verspätung auf so eine wirklich vollidiotische Gegenfrage zu kommen ist nun wirklich dokumentierte Inkompentenz. Und solches Wolkengeschwafel auch noch in ein Gutachten zu schreiben – die eigene Inkompetenz plakativ zu dokumentieren – ist einfach blöd. Richtig blöd. Der gibt auch noch mit seiner Inkompetenz an. Das sind so Leute, die sich selbst gerne daherschwafeln hören. „Wie bemessen Sie Unendlichkeit?” So richtiges Dampfgeschwätz.

Nebenbeibemerkt: Wenn man schon von Unendlichkeit redet, sollte man es wenigstens drauf haben, daß man in der Mathematik und Informatik verschiedene Unendlichkeitsklassen unterscheidet und diese unterschiedlich bemißt. Den Unterschied zwischen abzählbar unendlich und überabzählbar unendlich sollte man eigentlich drauf haben, wenn man in Informatik-Fragen als Sachverständiger herumturnt. Da scheint der aber auch nicht viel gelernt zu haben.

Was man in Deutschland halt so für Professoren und Sachverständige hält…


Jens
9.7.2010 14:15
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Informatik-Fragen? Der Mann ist BWLer und beschäftigt sich damit, wie man im Internet Geld verdient. Aber auch aus der Perspektive ist die Antwort armselig. Weder kann man im Internet unendlich viel Geld verdienen, noch kann man unendlichen Reichtum* (*Reichtumistnichtnurmateriellzusehen) generieren.

Als Wirtschatswissenschaftler müßte die Antwort auf die Frage nach der Unendlichkeit eigentlich sein: Interessiert uns nicht, wir beschäftigen uns mit der Knappheit. Unendlichkeit ist da allenfalls von sehr theoretischem Interesse … Was kostet nochmal ein Zimmer in Hilbert’s Hotel?


Jens
9.7.2010 14:17
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P.S.: Lad doch das Gutachten mal bei a.nnotate hoch, und dann kann die Leserschaft gemeinschaftlich drin rumkritzeln …


Hadmut Danisch
12.7.2010 0:29
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Der Mann gibt Gutachten zum Thema Internet. Also soll er sich gefälligst auch in gewisser Weise damit auskennen oder schreiben, daß er es nicht weiß. Aber nicht so einen Mist erzählen wie man das Internet bemißt.


Hadmut Danisch
12.7.2010 0:29
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@jens: Da habe ich urheberrechtliche Zweifel. Kannst Du ja auch machen.


quarc
12.7.2010 17:42
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Das ist ja zum gruseln. Vielleicht hat er das von irgendeinem
Hilfszwerg zusammenkopieren lassen.


Tom
13.7.2010 13:11
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> Meine Meinung von Geisteswissenschaftlern ist nicht die beste.

Wozu sind Geisteswissenschaften überhaupt nütze?


moni
13.7.2010 14:36
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Die Geisteswissenschaften sind zb dafür nütze, zu “definieren” wer wahnsinnig ist und wer nicht. Die ganze Welt ließt dazu ein Buch namens DCM (Diagnostical Charta of Mental Diseases), dass irgendwann in den 70gern eingeführt wurde, mittlerweile in der 4. oder 5. Auflage erscheint und jedesmal dicker wird. Da ist dann zb. definiert…”definiert”, was Symptome für ADHS sind (zb. “exzessives Klettern in unpassenden Situationen” oder auch “ungezwungenes Spielen in Situationen, die dazu einladen”…) oder wie sich Schizophrenie äußert, warum die vorgenommene “Definition” die Rechtsgrundlage für Entmündigugen bieten kann (“Fremdgefährdung” durch “Selbstgefährdung”) und warum das dann der “Verteidigung der Gesellschaft” dient. An das DCM müssen sich alle Psychiater dieser Welt halten, denn das ist die Grundlage für eine Approbation.
Die Soziologie entwirft Statistiken, um bestimmte Dinge zu beweisen, von denen sie vorher schon wusste, dass sie so sein müssten und man dieses und jenes statistisch erfassen müsste. Sie legitimiert gewisse politische Schritte zb folgendermaßen: “Migrantenkinder haben in der Schule schlechtere Noten; Migranteneltern reden zu wenig deutsch, also müssen wir die Migranteneltern zu Deutschkursen zwingen, und wer sich wehrt, gehört abgeschoben, weil so jemand seine Migrantenkinder gefährdet, die dann in der Schule, dem Weißheitsbrunnen, nichts mehr lernen, weswegen sie schlechtere Noten bekommen.” (Nein, natürlich gibt es keinen institutionellen Rassismus!)
Die Pädagogik legt Lehrpläne für Schulen fest, jedenfalls ist sie das Rückrat (die Grundlage der Legitimation von Lehrplänen) für all jene, die Lehrpläne festlegen. Sie “hilft” ausserdem den Armen und Verrückten, indem sie sie zur Armutsagentur oder zur Klappse schickt. Sie meldet auch die Eltern an diverse Institutionen (sie legitmiert diese Praxis), wenn die Kinder stinken oder ADHS haben und DESWEGEN schlechte Noten. Ironisch könnte man sagen, die Pädagogik hat die Aufgabe alles institutionell erzeugte Versagen auf Individuen zu verschieben, denn die Insitutionen können ja nichts falsch machen. Ihr Kind lernt nicht in der Schule?, fragt die Familienberatiern; haben Sie und ihr Ehemann Probleme in der Ehe? Hatten sie eine schwere Kindheit? Klettert ihr Kind exzessiv? Jaja, das liegt alles an ihnen und wie sie mit ihrer Umgebung umgehen. Aber seien sie frohen Mutes, wir haben da Sozialprogramme für.
Die Ethnologie sagt, was an Ausländern ausländisch ist und wieviel des Weges zur “fortgeschrittenen westlichen Welt” alle Nicht-westlichen Staaten, Länder und Völker schon zurückgelegt haben, wieviel noch nicht, und wo es also legitimen Grund gibt, den “Armen” (die natürlich nicht wir arm gemacht haben) unter die Arme zu greifen, humanitäre Missionen zur Umgestaltung von Kulturen, die anders sind als unsere. In der Ethnologie wohnen die Anderen meistens auch in Hütten, und wir wohnen in Häusern.
Die Politikwissenschaften refelktieren gekonnt darüber, dass der Status Quo ein politisch legitimer ist und erfindet dazu entweder Theorien, die passend machen, was passend gehört oder zieht solche heran, die das bereits leisten können. Ausnahmen gibt es wie überall, die dann allerdings entweder nicht richtig verstanden oder ignoriert werden (zb. Hannah Arendt).

Und im Allgemeinen haben alle Geisteswissenschaften die Aufgabe zu sagen, wer “wahrhaft” kritisch über die jeweilige Disziplin befindet und wer nur Polemiker ist und gar nicht mit den Leuten aus den goldverzierten Elfenbeintürmen reden will und also disqualifiziert gehört. Weiterhin hat jede Disziplin die Funktion, irrationales Handeln in ihrer Disziplin oder gerechtfertigt durch ihre Disziplin (gerne mit Hilfe anderer Disziplinen und das nennt sich dann interdiszipliär) zu rationalisieren: wir haben diese Frau da nur ans Bett gefesselt und ihren Urin gegen ihren Willen entnommen, weil sie schizophren ist und also fremdgefährdend.

Nur weil es bescheuert wirkt, ist es noch lange nicht ungefährlich…


moni
13.7.2010 14:46
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oh ja, man darf natürlich nicht vergessen, dass sich dank der Geisteswissenschaften auch völlige Nullnummern akademische Titel holen können, die sich dann für allerlei andere Zwecke verwenden lassen (siehe Frau Kristina Schröder…)


Tom
13.7.2010 18:06
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@moni: War das jetzt pro oder contra Geisteswissenschaften?


moni
14.7.2010 1:21
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das war “über” Geisteswissenschaften.

Ich las vorhin übrigens, dass man, wenn man als Jugendamt ein Kind von den Eltern wegnehmen will, dazu das DCM heranziehen muss, um den Eltern den Wahnsinn zu attestieren (§35a SGB VIII), natürlich von vernünftigem Fachpersonal. Habe ich erwähnt, dass das Buch einfach nur immer dicker wird? Weil Aktualisierung da einfach nur Summierung bedeutet?

Und der Mann, von dessen Tierexperimenten man die Natur kindlichen Verhaltens ablietet (Skinner) hat auch Brieftauben operant konditioniert, damit sie als Träger für kleine Bomben dienen können. Auch daraus hat er Wissen über Verhalten abgeleitet und dessen Folgen stehen garantiert mit in diesem hübschen Schinken.

Irgendwann steht in dem Buch bestimmt auch drin, wie man an der Art des Stuhlgangs eines Menschen sehen kann, dass er entmündigt werden müsste (wobei: machs aus dem Bad auf die Strasse, dann passiert das heute schon…).

Ich bin selbstverständlich extrem pro-instituionalisertes absolutes Wissen, weil das soviel Segen und Vorteile bringt usw. und ausserdem fortschrittlich ist und besimmt auch ins Motto fordern und fördern passt.


Der Bericht ist beachtlich, danke dafür. Ich hatte nur anfangs Probleme, Euren feed zu aboonieren. Geschieht das anderen Besuchern ebenfalls? Na, ja, wenigstens hat es dann geklappt, mal schauen, ob der Feed funktioniert wie er soll wie er soll.